Inhaltsverzeichnis
  Nutzungskonzept
  Stellungnahmen
  Das Palais im Großen Garten zu Dresden
  Entstehungsgeschichte
  Nutzungsgeschichte
  Baubeschreibung
  Bemerkungen zur Wiederherstellung
  Literatur


Petition an den Sächsischen Landtag

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durch Dr. Günter Voigt
unter Mitwirkung von

Prof. Dr. Hans-Joachim Neidhardt
Kai Vogler
Peter Zacher
Helmut Branny
Dr. Klaus Stiebert
Prof. Ludger Rèmy
Jan Vogler
Prof. Dr. phil. habil. Matthias Herrmann
Heike Liebmann
Jörg Brückner
Fabian Dirr
Dipl.phil. Winfried Werner
Guido Titze
Thomas Freier
Reinhard Decker
Dr. theol. Karl-Ludwig Hoch
Prof. Elisabeth Wilke
Kathrin Reeckmann
Franz Demmler
Hans-Volker Mixsa
LKMD Gerald Stier

Wortlaut:

An den
Petitionsausschuß
des Sächsischen Landtages
Dresden


Nutzungskonzept - Palais im Großen Garten zu Dresden

                                                                                                                   Dresden, den 18. September 2000

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vorletzte Woche begann im Palais im Großen Garten eine musikalische Veranstaltungsreihe mit gutem Einstieg. Das wäre ein guter Einstieg für das Vorhaben, dieses für Sachsen einzigartige Kleinod wieder mit Leben zu erfüllen und seiner 1889 von Bouché formulierten Bestimmung, "... bei besonderen Anlässen als Festsäle zu dienen, ... für musikalische Darbietungen ..." als auch "... zu luxuriösen Festlichkeiten ..". zurückzugeben, welches von der Denkmalpflege, von prominenten Kunsthistorikern der Stadt, von bekannten Musikern und von der Schlösser- und Gärtenverwaltung, sowie von musikinteressierten Dresdner Bürger unterstützt wird. Ein bürgernahes Anliegen in einer Kulturstadt ist es allemal, und ein repräsentatives Vorzeigeobjekt für Stadt und Land höchsten Ranges könnte entstehen. Aber anscheinend ist die Umsetzung dieses Vorhabens problematisch.
Seit vielen Jahren bemühe ich mich, neben meiner Arbeit in verschiedenster Weise für die "Kulturlandschaft Dresden und Umgebung" positiv wirksam zu sein (Gründungsmitlied des Freundeskreises Robert-Sterl-Haus (1978) D am Reformationstag 1989 "Aufrufer" für den Wiederaufbau der Frauenkirche sowie Gründungsmitglied des Fördervereines und Erstunterzeichner des Rufes aus Dresden D Gründungsmitglied Entwicklungsforum Dresden und der Initiative Dresden-Plauen D Gründungsmitglied des Kammermusikfestivals Schloß Moritzburg D Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der CD-Aufnahmefirma Dresdner Compact Disc zur Aufnahme klassischer Musik in Dresden bis 1996 D Herausgeber des Buches über den Dresdner Hofphotographen Emil Römmler D Verschiedene Initiativen zur Unterstützung von Professor Nadler [Initiator einer Unterschriftenaktion] D Mitglied in der Gesellschaft historischer Neumarkt). Durch diese Aktivitäten wurden Kontakte zu Kunsthistorikern, Musikern und Musikwissenschaftlern hergestellt. Es werden oft auch aktuelle Probleme zu Gesprächsthemen diskutiert. Konkret angesprochen wurde in der letzten Zeit das Problem der Nutzung des Palais im Großen Garten in Dresden. Die bekannten Musiker Professor Ludger Rèmy und Helmut Branny traten an mich mit der Bitte heran, meine Erfahrungen aus der Frühphase des Frauenkirchen-Wiederaufbaubewegung einzubringen und den drohenden Verlust verhindern zu helfen. Dieses frühbarocke Palais, ein Kleinod des 17. Jahrhunderts, müsse der Öffentlichkeit erhalten bleiben und für öffentliche Veranstaltungen erschlossen werden. Es ist das letzte Gebäude aus jener Epoche in Dresden und damit die letzte Möglichkeit, Musik der vorklassischen Epoche in originärer Umgebung aufzuführen. Außerdem besitzt Dresden keinen Kammermusiksaal, der eine Sitzplatzzahl hat, um Konzerte auch aus wirtschaftlicher Sicht zu ermöglichen. Für eine Landeshauptstadt ein eher trauriger Zustand!
Die Akustik im Großen Saal des Hauptgeschosses - eine als Anlage beiliegende Musik-CD die im Rekonstruktionszustand des Palais aufgenommen wurde, hat schon Furore gemacht - verspricht faszinierende Ergebnisse.
Soweit mir bekannt wurde, gab es in der Fragestellung der Nutzung verschiedene mündliche Anfragen unterschiedlicher Personen an zuständige Gremien (Ministerien und Verwaltungen). Es sei jeweils vage angedeutet worden, daß das Nutzungskonzept mehr oder weniger beschlossene Sache sei - das Palais werde dem Landesamt für Archäologie zugeschlagen (die Sächsische Zeitung vom 12.09.2000 berichtete darüber). Der Nestor der Denkmalpflege und Dresdner Ehrenbürger Professor Hans Nadler hat einmal gesagt: "Macht mir kein Scherbenmausoleum daraus". Selbst solche, aus meiner Sicht unglaublichen, ja abstrusen Pläne, wie des Einziehens einer Zwischendecke mit Säulen in der Form eines großen Tisches in den großen Saal für erhebliche Summen würden schon gedanklich Form annehmen.

1. Ich würde gern vom Petitionsausschuß geklärt wissen, welchen demokratischen Gang solche  Entscheidungen bzw. Vorentscheidungen gehen, zumal dann, wenn einen Teil des "Tafelsilbers" des Landes und indirekt auch der Stadt vergeben wird.
 2. Woher werden Mittel für die Zerbauung von einzigartigen Denkmalen bereitgestellt? Ich habe selbst ein  Denkmal am Loschwitzer Elbhang rekonstruiert, und trotz Beantragung keine Denkmalschutzzuschüsse bekommen.
3. Mit welcher Begründung entscheidet man sich für welche Kriterien?

Ich bin der Meinung, daß es keine Alternative zur originalgetreuen Rekonstruktion und zur Nutzung nach Bouchés formulierten Nutzungsbestimmung für das Palais gibt. Ich bin von den anschließend genannten Personen autorisiert worden, deren folgende Stellungnahmen zum Palais im Großen Garten, die integrales Bestandteil dieser Petition sind, hier wiederzugeben:



Prof. Dr. Hans-Joachim Neidhardt
Kunsthistoriker, Professor für Kunstgeschichte, emeritierter Kustos der Staatlichen Kunstsammlungen, Träger des Bundesverdienstkreuzes

Das Palais im Großen Garten ist ein Markstein in der deutschen Architektur des Barock und der früheste Bau dieses Stils in Kursachsen. Insbesondere werden wir mit dem Festsaal im Obergeschoß nach seiner Wiederherstellung ein barockes Gesamtkunstwerk besitzen, wie es heute kein zweites Mal in Sachsen mehr zu finden ist. Das verbietet z.B. eine künftige museale Nutzung, welche durch Installationen oder gliedernde Einbauten sogleich wieder zerstören würde, was man gerade in seiner beeindruckenden Einheit von Architektur, Skulptur, Stuckierung und Malerei der Menschheit wiedergeschenkt hatte.



Kai Vogler
Erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Mitbegründer des Kammermusikfestivals Schloß Moritzburg

Das Palais im Großen Garten zählt zu den sehr wenigen erhalten gebliebenen historischen Gebäuden Dresdens, die für Konzertveranstaltungen geeignet sind. Die Räume des Palais bieten besonders für Kammermusikkonzerte eine hervorragende Akustik. Auch die Größe und nicht zuletzt die zentrale Lage des Gebäudes prädestinieren es geradezu für solche Veranstaltungen. Ich bin der Auffassung, daß angesichts des großen Mangels an Sälen gerade dieses Formats in Dresden der Erhaltung bzw. Wiederherstellung des Palais als Konzertsaal große Bedeutung zukommt.



Peter Zacher
Musikkritiker, Journalist, Stadtrat

Das Palais im Großen Garten war einspielort für CD-produktionen. Das ergebnis ist bemerkenswert, die akustische situation, gemessen an den sonstigen möglichkeiten in Dresden, beinahe optimal. Es ist deshalb unbedingt anzustreben, das palais für kammermusikalische ereignisse zu bewahren. Die stadt Dresden wird auf absehbare zeit nicht in der lage sein, aus eigenem aufkommen einen akustisch befriedigenden raum für kammermusik zu schaffen. Die kombination aus parklandschaft, frühbarocker architektur und akustischer qualität könnte ein künstlerisches kleinod für Dresden werden und die attraktivität der stadt erhöhen. Trotz der prekären raumnot der Dresdner museen wäre eine nur archäologische nutzung des gebäudes eine bedauerliche zweckentfremdung.



Helmut Branny
Mitglied der Sächsische Staatskapelle Dresden, Lehrbeauftragter der Musikhochschule in Dresden und Leiter der Dresdner Kapellsolisten

Das Palais im Großen Garten ist nicht nur ein attraktives und gelungenes Baukunstwerk, es hat auch eine hervorragende Akustik. Seit 20 Jahren bin ich als Kammermusiker und seit einigen Jahren als Dirigent im In- und Ausland künstlerisch tätig und kenne dadurch sehr viele Konzertsäle und adäquate Spielorte. Die Klangqualität des Palais entspricht internationalen Höchstansprüchen.



Dr. Klaus Stiebert
Literaturwissenschaftler, Kultursenator

Das Palais im Großen Garten ist als ein einmaliges Zeugnis barocker Festkultur in Dresden, nun nach vielen Jahren fast wieder hergestellt, uns so erhalten geblieben. Es ist - wie auch alle Fachleute übereinstimmend feststellen - ohne einschneidende Eingriffe in seine Struktur als Museum völlig ungeeignet und sollte darum als Zentrum Dresdner Festkultur, insbesondere für die Pflege alter und neuer Musik, nach seiner endgültigen Fertigstellung unbedingt so genutzt werden.



Prof. Ludger Rèmy
Musiker und Musikwissenschaftler, Professor der Musikhochschule "Carl Maria von Weber" in Dresden, Solist für alte Musik

Ein offenes Palais - wer ersehnt sich das nicht mehr als ein Musiker? Man gibt dem Bauwerk seine Seele zurück: es wird belebt, ja, vor allem durch Musik, fernab musealer Bemühungen, toter und tötender historisierender Überlegungen - und wenn man die Narben betrachtet, die an das "Memento mori!" des Krieges erinnern, aber auch die Schönheit des wiedererstandenen Gebäudes sieht, so ist Musik wahrlich die Seele des Palais.
Heute ist das Palais im Großen Garten ein Ort abseits... noch. Viele gehen daran vorbei, wissen nicht einmal um sein großartiges Inneres, aber wenn plötzlich Musik aus seinen Räumen ertönt, dann verwundert man sich darüber, wie passend, wie logisch sich das Gebäude mit seiner Seele (keiner vergangenen, sondern einer immer aktuellen) verbindet. Wer bemerkt das mehr als der Musiker, der das Glück hat, in der herrlichen Akustik der schönen Säle zu spielen?
Wie die Frauenkirche ein Symbol des geistlichen Sachsen ist, so repräsentiert das wesentlich ältere Palais das weltliche Sachsen und vor allem unser heutiges Dresden. Wollen wir es nicht vergessen: das Palais ist die Keimzelle des berühmten Canallettoblickes unseres heutigen Dresden.
Aber dieses Gebäude ist nicht nur Erbe der Geschichte, es hat auch eine historische Konzeption, einen Zweck: denn errichtet wurde es zur Repräsentation, für Feste, zur Freude (obzwar nicht aller), zum Feiern, zur Musik. Das Fest war eine politische Handlung: man repräsentierte sich selbst, den Staat, die Stadt und das Leben. Daraus folgert logisch ein Interesse:
Ist es nicht denkbar, daß man das Palais, das wie ein Phönix neu aus der Asche entstand, wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuführt, und - unseren Zeiten entsprechend - wirklich für alle?
Ist es nicht denkbar, das neben kulturellen "events" (früher nannte man es nur "Fest"...) sich auch die Stadt, der Staat, die Wirtschaft in dem repräsentativen und repräsentierenden Gebäude zu Festen ein Stelldichein gibt?
Und zu guter Letzt: geben die Räume des Palais nicht einen idealen Konzertsaal ab, wie es in Dresden noch keinen gibt, ohne daß man einen großen finanziellen Aufwand treiben müßte? Das Gebäude steht, es existiert, es wurde bereits vor mehr als 300 Jahren auch für Musik konzipiert. Man sollte die Chance, die uns die Geschichte vererbt, erkennen und mit raschen Händen zugreifen. Das wäre dann eine glückliche Synthese unserer heutigen Gegenwart mit lebendiger Geschichte.




Jan Vogler
(NewYork/USA) ehemaliger Erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle in Dresden und Cello-Solist, Mitbegründer des Kammermusikfestivals Schloß Moritzburg

Die ausgezeichnete Akustik, die wunderschöne Lage, die besondere Atmosphäre, die besonders für die 'Alte Musik' wie geschaffen scheint - das Palais im Großen Garten muß für Konzerte nutzbar gemacht werden.



Prof. Dr. phil. habil. Matthias Herrmann
Musikwissenschaftler, Professor an der Musikhochschule "Carl Maria von Weber" Dresden, Mitglied im Kulturbeirat der Landeshauptstadt Dresden

Von der Zerstörung am 13./14. Februar 1945 hat sich Dresden - Kunst- und Musikstadt von europäischem Rang - bis heute nicht völlig erholen können. Das wird u.a. daran sichtbar, daß die Situation an historisch relevanten Konzertstätten nach wie vor unakzeptabel ist: Gewerbehaus, Palmengarten, Vereinshaus und andere bleiben unwiederbringlich verloren. Der Plan, im Zuge des Umbaus des Kulturpalastes zur Philharmonie auch einen hochwertigen Kammermusiksaal im Sinne Scharouns (Berliner Philharmonie) entstehen zu lassen, wurde unlängst ad acta gelegt. So bietet die vor der Vollendung stehende Rekonstruktion des Palais im Großen Garten eine einmalige Chance für das reiche Musikleben der Landeshauptstadt Dresden: Es sollte das Palais dauerhaft als (erprobtermaßen) akustisch hervorragende Aufführungsstätte für Konzerte in kleinerer und kleinster Besetzung genutzt werden können - in einem architektonisch-künstlerischen Umfeld von atemberaubender Schönheit. Die Verquickung von Kunst und Musik, wofür Dresden seit Jahrhunderten steht, fände im Palais im Großen Garten somit auf Dauer ein überzeugendes Abbild. Es wäre eine Absurdität ohnegleichen, wenn das seit den 1950er Jahren sachkundig rekonstruierte Bauwerk - die architektonische Ausnahmestellung kann hier nur summarisch Erwähnung finden - nunmehr in seinem Innenraum "verbaut" würde, um es museal zu nutzen.



Heike Liebmann
Sängerin der Sächsischen Staatsoper Dresden, Konzertagentur (Heike Liebmann Konzerte)

Als Konzertveranstalter würde ich es sehr begrüßen, wenn im Palais im Großen Garten endlich ein geeigneter Kammermusiksaal entstehen könnte. Das die Kulturstadt Dresden bis jetzt immer noch keinen Kammermusiksaal hat, empfinde ich als einen großen Verlust für das Dresdner Konzertleben. Es wäre dringend nötig, an diesem Projekt zuarbeiten.



Jörg Brückner

Solohornist der Dresdner Philharmonie

Mit Erschrecken habe ich vernommen, daß das Palais im Großen Garten, welches einen der schönsten Kammermusiksäle enthält, umgebaut und nicht mehr als ein Heim der Künste dienen soll. Da es in Dresden keinen vergleichbaren Kammermusiksaal dieser Güte und Schönheit gibt, wäre es für die Kultur der Stadt ein großer Verlust. Die Kulturstadt Dresden hat leider keinen Saal für Kammermusik, der diese Voraussetzungen erfüllen könnte. Als Solohornist der Dresdner Philharmonie und Mitglied des Philharmonischen Hornquartetts Dresden kann ich nur für den Erhalt des Palais im Großen Garten als ein Palais der Künste plädieren. Alles andere wäre für mich einer Kulturstadt wie es Dresden sein möchte nicht würdig.



Fabian Dirr
Musiker, Leiter Carus Ensemble Dresden

Als Mitbegründer und musikalischer Leiter des Carus Ensemble Dresden vernahm ich die Nachricht bezüglich der Pläne, die das Palais im Großen Garten betreffen mit Besorgnis.
Dresden als Kulturstadt und als Stadt, in der die Musik eine derart übergeordnete Stellung hat, braucht auch für die kleineren Formen klassischer Musikkultur genügend Podien. In Dresden herrscht ein Mangel an Aufführungsmöglichkeiten gerade für Kammermusik. Die Säle im Schloß Albrechtsberg und im Kulturrathaus, die z.Zt. die einzigen dieser Art in Dresden sind, können für eine Weltstadt nicht genügen. Wir brauchen den Kammermusiksaal im Palais im Großen Garten um der Vielfalt des kulturellen Angebotes, von dem Dresden lebt, gerecht zu werden.




Dipl.phil. Winfried Werner
Kunsthistoriker, Referatsleiter am Landesamt für Denkmalpflege; das Palais gehört zu den von ihm betreuten Objekten

Nachdem das Palais im Großen Garten durch die im Februar 1945 erfolgten Luftangriffe auf Dresden schwerste Zerstörungen erlitten hatte, sind die Wiederaufbauarbeiten an diesem Gebäude nach nunmehr 55 Jahren immer noch nicht abgeschlossen. Während die Rekonstruktion des Daches inzwischen bereits erfolgt ist und ein Ende der Fassadenrestaurierung für das kommende Jahr in Aussicht steht, blieben die Arbeiten im Inneren weitgehend auf der Strecke. Eine schon vor 15 Jahren erarbeitete und im Landesamt für Denkmalpflege vorliegende, umfangreiche Zielstellung für die Wiederherstellung der Innenräume gibt diesbezüglich aber schon die wünschenswerte Grundrichtung vor, benennt die Möglichkeiten und dokumentiert zugleich die vohandenen Unterlagen ( Archivalien, Fotos u.s.w.)
Nachdem bereits zu DDR-Zeiten unter durchaus schwierigen Bedingungen hoffnungsvolle Zeichen gesetzt wurden ( Beginn der 1992 vollendeten Rekonstruktion des Deckenstucks in den drei mittleren Erdgeschoß-Sälen, Herstellung einer Architekturachse des Festsaales als Rekonstruktionsprobe) darf die sich bietende Chance der Vollendung des Wiederaufbaus im ursprünglichen Sinne nicht ungenutzt bleiben. Die Rekonstruktion des Festsaalbereiches unter Einbeziehung der noch vorhandenen originalen Reste wäre technisch in jedem Falle möglich und der wahrhaft europäischen Bedeutung des Bauwerke zweifellos angemessen. Sie sollte daher unbedingt erfolgen, und zwar mit dem Ziel einer festlich-repräsentativen (Mehrzweck-)Nutzung! Unabhängig davon ließe sich kurzfristig und mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand die bereits erwähnte Flucht der weitgehend fertiggestellten Erdgeschoßsäle als fester Standort einer Präsentation sächsischer Barockskulptur nutzen, die die weitere Verwendung dieser Räume für die unterschiedlichsten Zwecke - wie bisher auch - keineswegs ausschließt. Damit könnte das Haus schon im nächsten Jahr, wenigstens in den Sommermonaten der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht werden. Das wäre mein Wunsch!




Guido Titze
Solo-Oboist der Dresdner Philharmonie, Leiter des Dresdner Barockorchesters

Das Palais im Großen Garten stellt durch den Zusammenklang von historischer Bausubstanz und barocker Parkanlage ein besonders stimmungsvolles Ambiente für ein Konzerterlebnis dar. Als Musiker und Organisator bemerke ich eine zunehmende Sensibilität des Publikums für diese Rahmenbedingungen einer Veranstaltung. Die Konzerte im Palais, an denen ich beteiligt war, fanden jedenfalls immer eine außergewöhnliche Resonanz. Barockmusik in Dresden heute an "Originalschauplätzen" zu erleben ist ja nicht so einfach, obwohl auch hier die Angebote an historisch orientierter Aufführungspraxis und Musik auf historischen Instrumenten sehr vielfältig sind. Wenn man von der Kirchenmusik einmal absieht, so gibt es für die Vielfalt höfischer Kammermusik kaum einen geeigneten weltlichen Rahmen: entsprechende Räume wurden nach den Zerstörungen des Krieges entweder modernisiert wieder aufgebaut, haben schlechte akustische Voraussetzungen oder dienen anderen, meist musealen Zwecken. Das ist um so bedauerlicher, als man weithin den Namen der Stadt Dresden mit einer Hochblüte des europäischen Barock assoziiert: architektonische Meisterleistungen in Verbindung mit barocken Kunstsammlungen ziehen Touristen aus aller Welt an. Wissenschaftler und Künstler finden in den Archiven und Bibliotheken die Früchte einer kaum vorstellbaren barocken Prachtentfaltung in Musik und Theater. Deshalb sehe ich mit großer Freude, daß die Renovierung des Palais im Großen Garten voranschreitet und hoffe auf die Möglichkeit, dort bald Konzerte in historisch passender Architektur zu veranstalten.



Thomas Freier
Geschäftsführer des Software-Unternehmens Combase Informatic, Musiksponsor

Als Liebhaber klassischer Musik denke ich, dass durch eine museale Umnutzung des Palais im Großen Garten eine wichtige kulturelle Chance unserer Stadt vergeben wird. Kein anderer Standort in Dresden bietet ähnliche Voraussetzungen. Als Haus für Feste und Musik erbaut, eröffnet es heute besonders für Kammermusikaufführungen durch seine einmalige Akustik und sein barockes Ambiente phantastische Möglichkeiten.




Reinhard Decker
Sänger im MDR-Chor, ehemals Mitglied der Dresdner Vocalisten, Initiator der ersten Konzerte im Palais im Großen Garten 1991, Träger der Sächsischen Verfassungsmedaille

Stellungnahme zur beabsichtigten Nutzung des PALAIS GROS-SER GARTEN als Museum der Archäologischen Sammlungen

Als ich im Sommer des Jahres 1991 als Mitglied des "baubund sachsen e.V." Freiheit und Dynamik des Aufbruchs nutzend das erste denkwürdige Konzert nach der Zerstörung in der Baustelle des Palais Großer Garten organisierte, ging es vor allem darum, ein Zeichen zu setzen für den Wiederaufbau und die denkmalgerechte Nutzung des einzigartigen Bauwerkes. Die "Aktion" wurde ein bedeutender Erfolg und so wurden daraus insgesamt fünf Konzerte in den Jahren 91/92. Die Konzerteinnahmen der Benefizkonzerte ergaben zusammen mit Spenden einen Erlös von reichlich 27000 DM. Dieser Betrag wurde im Juni 1997 auf Empfehlung von Frau Hanstein-Mateika, der damaligen Direktorin der Staatlichen Schlösserverwaltung, in den Kauf des Gestühls investiert, welches seitdem den Besuchern von Konzerten und anderen Veranstaltungen im Erdgeschoß des Palais zur Verfügung steht. Außer diesem erfreulichen materiellen Erfolg der Konzertreihe war ein baulicher noch wichtiger, nähmlich die Tatsache, daß durch ein umfangreiches Medienecho die damals fragliche Weiterführung der inneren und äußeren Wiederherstellung einen gewissen Schub bekam. Das Palais befand sich noch in städtischer Verwaltung und man sah zunächst nicht die Notwendigkeit, kommunale Mittel für die Weiterarbeit zur Verfügung zu stellen, in Anbetracht der Tatsache des bevorstehenden Wechsels in die Zuständigkeit des Freistaates Sachsens. Zumindest haben diese Veranstaltungen eine längere Unterbrechung der Arbeiten verhindert. Das bestätigte mir auch Stadtrat Hermann Henke.
Mein damaliges Engagement geschah ehrenamtlich, ebenso wie jenes als Gründungsmitglied der IG Weinbergkirche Pillnitz e.V. Mit der Rekonstruktion der Pillnitzer Weinbergkirche bekam der Freistaat Sachsen ein Kleinod baroker Baukunst wiedergeschenkt, welches als Raum für Konzerte, Gottesdienste, Ausstellungen und Hochzeiten beispielgebend für eine dem Baudenkmal entsprechende und zugleich zeitgemäße Nutzung großen öffentlichen Zuspruch findet.
Unbegreiflich erscheint mir die laut Gerüchten offensichtlich schon weit gediehene Überlegung auf ministerieller Ebene, entgegen allen Gutachten und Stellungnahmen der Dresdner Fachschaft, das Palais als Archäologie-Museum nutzen zu wollen! Eine Sammlung, die ohnehin unter den Dresdner Sammlungen nicht unbedingt zu den Rennern zählt, ausgerechnet in ein Bauwerk dieser architekturgeschichtlichen Bedeutung zu verlegen und damit die innere Raumwirkung des Palais für alle Zeiten zu zerstören, kommt für meine Begriffe einer Kulturbarbarei gleich. Ein Archäologie-Museum bedarf keiner barocken Hülle. Aber das Palais bedarf eines adäquanten Inneren, so wie es bereits in der Erdgeschoßzone mit großem Aufwand und Sachverstand entstanden ist. Die gegenwärtig noch laufenden Rekonstruktionsarbeiten an der Außenseite stehen bald vor dem Abschluß. Die vom Finanzministerium dafür reichlich zur Verfügung gestellten Mittel wären m.E. fehlinvestiert, solte die unter Ausschluß der Öffentlichkeit gestellten Entscheidung realisiert werden. Gefordert ist deshalb eine fachliche und politische Diskussion über die zukünftige Nutzung nach demokratischen Spielregeln.




Dr. theol. Karl-Ludwig Hoch
em. Pfarrer, Kunstgeschichtler, Träger des Sächsischen Verdienstordens

Das Schönste und Wichtigste am Palais im Großen Garten war der herrliche Festsaal. Die anderen Dresdner Palais konnten "nur" als Hülle moderner Räume aufgebaut werden: Taschenbergpalais, Coselpalais, Gewandhaushotel, wohl auch Kurländerpalais. Aber das Palais im Großen Garten ist - genau wie die Semperoper - ein Gesamtkunstwerk. Der Festsaal ist ein frühbarockes Unikat. Und es wäre der einzige wieder restaurierte Festsaal der Stadt! Darum darf es nicht zu übereilten Fehlentscheidungen kommen. "Gut Ding will Weile haben". Lieber freuen sich unsere Urenkel, als daß sich Kinder und Enkel über eine verpasste Chance ärgern!




Prof. Elisabeth Wilke
Kammersängerin an der Sächsische Staatsoper Dresden, Professorin am Mozarteum in Salzburg und in Dresden

Das einmalige Ambiente, die zentrale wunderschöne Lage und die hervorragenden akustischen Gegebenheiten im Hauptgeschoß des Palais im Großen Garten, könnten endlich den so lange schmerzlich vermißten Rahmen schaffen, der großen Konzerttradition, gerade auch im kammermusikalischen Bereich, im internationalen Maßstab einer Kulturmetropole und "Barockstadt Dresden" gerecht zu werden.




Kathrin Reeckmann
Volontärin im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen

Das Palais im Großen Garten wurde ab ca. 1676 vom sächsischen Oberlandbaumeister Johann Georg Starcke für den damaligen Kurprinzen Johann Georg III. erbaut. Einziger Zweck des Gebäudes war es, als Lusthaus für die Festlichkeiten des Dresdner Hofes zu dienen. Als sich die Mode bei Hofe geändert hatte und die Schlösser der näheren Umgebung bevorzugt wurden, kamen im Erdgeschoß des Palais die antiken Statuen aus dem Besitz Kurfürst Augusts des Starken zur Aufstellung.
Das Palais im Großen Garten ist ein kunsthistorisch überaus bedeutender Bau. Als eines der ersten Bauwerke in den deutschen Territorien überhaupt wurde es von einem deutschen Architekten in den Formen des Barock erbaut und markiert damit den Anschluß an die internationale Kunstentwicklung nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges. Für die Kulturgeschichte Dresdens ist das Palais von exemplarischer Bedeutung. Im Verein mit dem Stallhof am Schloß (1586/90) und dem Zwinger (1709/19) dokumentiert es die typisch sächsische Tradition des Hoffestes, das zur Repräsentation von Wohlstand und Macht des Kurhauses diente. Daß man dafür aufwendige Bauten aus Stein errichtete, war im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation einmalig.
Nachdem das Palais nach seiner Zerstörung über vierzig Jahre hinweg erhalten und in den letzten Jahren auch restauriert werden konnte, stellt sich nun die Frage nach seiner Nutzung. Um dieses einmalige Zeugnis der Barockzeit in seiner Schönheit und Funktion erleben zu können, ist ein außerordentlich schonender Umgang mit der Bausubstanz erforderlich. Dazu gehört vor allem, daß der Festsaal in seiner Räumlichkeit nicht zerstört wird. Auch wenn zur Zeit eine Rekonstruktion nicht möglich ist, sollte der Gesamteindruck nicht zerstört und die Möglichkeit einer späteren Wiederherstellung nicht verschenkt werden. Für das Palais wünschenswert wäre eine Nutzung etwa als Ort für Festlichkeiten und als Aufstellungsort für Barockplastik, die in Dresden schon lange eine Heimat sucht.




Franz Demmler
Mitinhaber und Geschäftsführer der Sächsischen Tonträger Dresden

Es gab Zeiten, als der Aufdruck "Lukaskirche Dresden" auf dem Cover von LP oder CD für den Kenner der Szene musikalische Qualität und perfekte Akustik symbolisierten, und zwar weltweit. Weltfirmen wie EMI, SONY, TELDEC und nicht zu vergessen ETERNA zu DDR-Zeiten wußten dies immer zu schätzen. Von diesem legendären Ruf ist nicht viel geblieben. Seit dem Wegfall der absenkbaren Decke und anderer Maßnahmen, die, wie man sagt, dem kirchlichen Charakter widersprechen, ist die Lukaskirche leider nur noch Mittelmaß. Diese Lücke könnte durch das Palais im Großen Garten geschlossen werden, nachdem Probeaufnahmen und erste CD-Produktionen die akustische Ausnahmestellung dieses Raumes nachgewiesen haben. Der frühere Chefproduzent von ETERNA, Eberhard Geiger, war begeistert. Dieser Raum wäre dem künstlerischen Rang der Dresdner Klangkörper angemessen.



Hans-Volker Mixsa
Metallgestalter, Mitglied im Sächsischen Künstlerbund e.V.

Wie könnte die Mitte des Großen Gartens von anderem erfüllt sein, als von der heiteren Weite, dem Zauber, den die Kunst, die Musik gerade hier zu schaffen vermag. Der Park, darin das Palais als Ort der Kunst - wie könnten wir eine so ideale Konstellation ignorieren?



LKMD Gerald Stier
Kantor, Sächsischer Landeskirchenmusikdirektor, Kultursenator

Der Wiederaufbau des Palais im Großen Garten begeistert mich beim Spaziergang um das Gebäude immer auf's Neue. Mit großer Freude habe ich die Ausstellungsräume im Erdgeschoss kennengelernt. Die Idee, einen Kammermusiksaal zu instalieren, finde ich großartig. Dresden und die hier wirkenden Musiker brauchen diesen Raum. Alle dafür zuständigen Institutionen sollten sich für die Verwirk-lichung diesen Planes mit allen Kräften dafür einsetzen. Ich werde mich im Kultursenat des Freistaates Sachsen um Unterstützung bemühen.

Die Beiträge (sollte es geringfügige Übertragungsfehler geben, oder die Titel sowie Tätigkeitsbeschreibungen der einzelnen Beitragenden nicht ganz fehlerfrei sein, dann trage ich persönlich dafür die Verantwortung) sind nach dem Datum ihres Eintreffens geordnet. Ich bitte um wohlwollende Behandlung des Themas .

Mit freundlichen Grüßen

Günter Voigt

Zusatzinformation:

Winfried Werner
Das Palais im Großen Garten zu Dresden

Der Gedanke, ein Gebäude zu errichten, das lediglich den sommerlichen Vergnügungen des Hotes gewidmet sein sollte und keinerlei Anspruch erhob, Wohnzwecken zu dienen, erfüllte sich im Palais des Großen Gartens in großartiger Weise. Es entstand zu einem Zeitpunkt, als die schlimmsten Folgen des Dreißigjährigen Krieges bereits überwunden waren und sich in Deutschland wieder ein deutlicher Aufschwung in der Baukunst vollzog. Damals begannen die einheimischen Architekten diejenigen Bauformen, welche das übrige Europa im Verlaufe des 16. und 17. Jahrhunderts geschaffen hatte, in ihr Repertoire zu übernehmen. Bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts zeigten sie sich voll mit ihnen vertraut und reif, sie selbständig zu gebrauchen. In den Jahrzehnten des Übergangs entstanden, zeugt gerade das Dresdner Palais im Großen Garten besonders eindrücklich vom Ringen um die Bewältigung der monumentalen Formenwelt des europäischen Barock. Mit seinem alle Fassaden überziehenden skulpturalen Schmuck von Jeremias und Conrad Max Süßner, Abraham Conrad Buchau, Marcus Conrad Dietze und George Heermann, den Deckengemälden von Samuel Bottschildt und Heinrich Christoph Fehling, den ersten Kunstmarmorarbeiten in Sachsen und dem zum Teil bereits manufakturmäßig hergestellten Stuckornamentwerk der Innenräume repräsentiert sich dieses Bauwerk künstlerisch und technologisch als eine Schöpfung von höchstem Rang. Damit auch seine zumeist bescheidenen Vorläufer bezüglich der Dresdner Garten- und Lusthäuser weit überragend, bildet es zugleich den eigentlichen Auftakt zur sächsischen Barockarchitektur des frühen 18. Jahrhunderts. In dem von ihm bearbeiteten Inventar der Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen formulierte Cornelius Gurlitt vor annähernd 100 Jahren den Satz: "Der Bau des Palais sowie des ganzen Großen Gartens bietet einen der unklarsten Teile der Dresdner Kunstgeschichte." Als vornehmlichen Grund für diesen Umstand beklagte er das gänzliche Fehlen von Archivalien, insbesondere von Plänen und Rechnungen, die Aufschluß über den Baufortgang sowie die an Planung und Ausführung beteiligten Künstler geben könnten. Seither bemühten sich Architekten und Kunsthistoriker gleichermaßen darum, Licht in das Dunkel zu bringen, was freilich - nicht zuletzt wegen der unzureichend vorhandenen schriftlichen Quellen - nur zum Teil gelungen ist. Obwohl also nach wie vor viele Fragen ungeklärt sind, können mittlerweile aber doch einige grundlegende Aussagen getroffen werden.

Entstehungsgeschichte von Garten und Palais

Die besondere Schönheit des Großen Gartens beruht heute auf dem Gleichklang des Palais mit seinen Kavalierhäusern und einer auf entsprechende Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Landschaftsgestaltung, die zwar einerseits - insbesondere im Kernbereich - die vorgegebene barocke Form respektiert, andererseits aber durch ihre lockere, malerischromantische Gliederung der Flächen sowie die reizvollen Überschneidungen von Baumkulissen mit der Architektur zur Wirkung gelangt. Die alten Gartenpläne des 17. Jahrhunderts zeigen hingegen, daß die Einheit der Anlage des Großen Gartens zunächst in einem ganz anderen Sinne gewollt war: gartenarchitektonisch, körperlich empfunden und auf der Basis einer strengen Geometrie sowohl klar als auch symmetrisch strukturiert. Damit spiegelt sich in der Geschichte des Großen Gartens zugleich ein Stück Entwicklung der Gartenkunst überhaupt wider, nämlich von der eher handwerklichen Auffassung der Tätigkeit des Gärtners mit der Gartenteilung in Ziergärten und Nutzgärten/Küchen- bzw. Obstgärten) über die großartige Umsetzung einer gestalterischen Idee in der barocken Anlage mit ihrer reichen Ausschmückung bis hin zu den Veränderungen und Erweiterungen des 19. Jahrhunderts, die wohl den bestehenden Grundcharakter beibehielten, in den neu hinzugewonnenen Bereichen aber Elemente des Landschaftsgartens einbrachten. Die Frage, warum der Große Garten und das Palais gerade an dieser Stelle errichtet wurden, berührt die Geschichte der Lustgärten am kurfürstlichen Hofe. Wie auch in anderen Städten genügten die Freiflächen innerhalb Dresdens bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg zum Anlegen von Gärten nicht mehr. Das am Ende des 16. Jahrhunderts auf der Neuen Bastei von Giovanni Maria Nosseni errichtete Lusthaus spiegelt die noch unerfüllte Sehnsucht wider, aus den Stadtmauern heraus mit der Weite der Landschaft in Verbindung zu treten. Seither waren im Süden und Westen Dresdens noch zahlreiche weitere Gärten entstanden, so der Herzogin Garten, der Italienische Garten oder auch der Lange Garten des Kammerjunkers von Rechenberg an der Bürgerwiese. Für eine ausgedehnte und erweiterungsfähige Anlage stand somit in nicht allzu weiter Entfernung vom Stadtkern nur noch das heutige Gelände des Großen Gartens zur Verfügung. Von den ersten nachweisbaren Planungen an war jedoch nicht an einen kleinen Zierund Lustgarten gedacht, sondern an eine in beträchtliche Dimensionen gesteigerte Fläche. Im Jahre 1676 begannen die Ankäufe von Flurstücken für die Neuanlage im Gelände zwischen Strehlen, Gruna und der Pirnaischen Vorstadt. Damals entstand das sogenannte erste Quadrat, das Mittelfeld des Großen Gartens, in einer Größe von 700 x 700 Ellen (die Elle maß in Sachsen 0,5664 m). Ein aus derselben Zeit stammender Plan des Hofgärtners Martin Göttler zeigt einen ebenfalls quadratischen Gartengrundriß mit orthogonal und diagonal geführten Alleen, in deren Schnittpunkt das Palais bereits eingetragen ist. In gestalterischer Hinsicht folgt er noch älteren Vorstellungen, die ein Jahrhundert zuvor entwickelt worden waren und sich im Verlaufe des 17. Jahrhunderts verbreitet hatten. Der entscheidende Unterschied zu jenen Vorbildern lag daher vor allem in der veränderten Größenordnung. So erfolgten bis 1687 nach und nach Feldankäufe für insgesamt vier ineinandergefügte Quadrate, deren äußeres eine Seitenlänge von immerhin 3300 Ellen aufwies. Planänderungen führten aber schließlich dazu, daß die meisten Felder im vierten Quadrat bis 1693 an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben und nur je zwei schmale Streifen zu beiden Seiten des westlichen und östlichen Teiles der Hauptallee zum Gartenausbau behalten wurden. Damit war die künftige Grundform der Anlage gefunden, wie sie schon zehn Jahre früher von Johann Friedrich Karcher vorgeschlagen worden war. So ist denn auch Karcher, der den Großen Garten bereits seit 1683 vor allem nach französischen Vorbildern umgestaltete und erweiterte, als dessen eigentlicher Schöpfer anzusehen. Beinahe zeitgleich mit der Gartenanlage begann man 1678 mit der Errichtung des Lustschlosses, welches 1683 zumindest im Rohbau vollendet gewesen sein muß. Der Baubeginn fällt damit noch in die Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg IL; Palais und Garten gehen aber nicht auf ihn zurück, sondern auf den damaligen Kurprinzen und späteren Kurfürsten Johann Georg IIL, der als der eigentliche Initiator anzusehen ist. Überlieferung und Aktenmaterial weisen eindeutig auf den Oberlandbaumeister Johann Georg Starcke als ausführenden Architekten. Wohl um sie dem Fürsten vor Baubeginn vorzustellen, war es am sächsischen Hofe über lange Zeit hinweg üblich, von größeren Architekturwerken Holzmodelle anzufertigen. So fand sich zwischen den beiden Weltkriegen in Dresdner Privatbesitz auch das Modell zum Palais im Großen Garten wieder, welches dann 1945 zusammen mit den anderen Beständen des Altertums-museums verbrannte. Gegenüber der Ausführung zeigte es nur geringe Abweichungen, was dafür spricht, daß nicht mehrere Bauperioden anzunehmen sind. Auch eine im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrte, wahrscheinlich noch vor Fertigstellung des Palais entstandene Fassadenansicht, die Walter Bachmann als Originalplan Starckes zitiert, läßt diesen Schluß zu. Da aber die eigentlichen Bauakten fehlen, läßt sich der Verlauf des Baugeschehens selbst nur bruchstückhaft nachvollziehen. Das Sockelgeschoß wurde in den Jahren 1679 und 1680 errichtet, wofür die Datierungen über den Nebenportalen der West- und Ostseite sprechen. 1683 erfolgte die Lieferung von 300 Bund Schilfrohr aus Lobositz in Böhmen, die man für die Stukkaturarbeiten benötigte - ein Hinweis darauf, daß sich das Gebäude seinerzeit schon unter Dach befand. Trotzdem ist ein Rechnungsbetrag über 800 Taler für Kupferblech zur Eindeckung erst 1685 beglichen worden. Der prachtvolle Innenausbau zog sich dann wohl über einige Jahre hin. Noch 1692 haben die Hofmaler Bottschildt und Fehling Restgelder für die im Palais ausgeführten Gemälde zu bekommen. Bis 1691, dem Todesjahr Johann Georgs IIL, werden die Arbeiten allerdings zum Abschluß gelangt sein, zumal das Bauwerk nur dessen Initialen trägt.

Nutzungsgeschichte

Nach kurzzeitiger Stagnation erfolgte die weitere Ausgestaltung des Großen Gartens gemäß der Planung Johann Friedrich Karchers wieder verstärkt unter Friedrich August L, der 1695 eine entsprechende Anweisung gegeben hatte. Nachdem zunächst die stadtseitigen Parterre- und Boskettanlagen entstanden waren, trat Karcher 1714 eine Studienreise nach Frankreich an, in deren Folge ab 1715 das Bassin mit den begleitenden Bosketts sowie das Grabenparterre um das Palais geschaffen wurden. Bis 1719, dem Jahr der Hochzeitsfeierlichkeiten anläßlich der Vermählung des Kurprinzen Friedrich August II. mit Maria Josepha von Habsburg, kam es u. a. mit der Anlage von Labyrinth und Naturtheater zur Vervollständigung des bisher schon Vorhandenen, wozu auch die allseitig das Zentrum umgebenden sternförmig gegliederten Fasanengehege (Remisen) beitrugen. Nach Entfernung des vor dem Palais befindlichen stadtseitigen Parterres ließ sich die so entstandene Platzfläche sogar für höfische Spiele nutzen. All die genannten Veränderungen, durch Festarchitekturen wie den prachtvollen Venustempel am Scheitelpunkt des Teiches noch ergänzt, legten natürlich auch Umbauprojekte für das Palais nahe. Diese sind aber nicht mehr verwirklicht worden, vielmehr diente das Gebäude - entgegen seiner eigentlichen Bestimmung - sehr bald schon musealen Zwecken. Als Ende 1729 die aus der Sammlung Chigi in Rom erworbenen antiken Skulpturen in Dresden eintrafen, ließ sie der König in den Räumen des Palais aufstellen, wo sie bis 1747 verblieben. In den nun folgenden Jahrzehnten verlor sich das höfische Interesse am Großen Garten immer mehr. Die Verwüstungen desselben bei den Kämpfen im Siebenjährigen Krieg haben dazu wohl nicht unerheblich beigetragen. Während der Befreiungskriege kam es erneut zu Zerstörungen, so daß die Möglichkeit einer kontinuierlicheren Nutzung zunächst nicht absehbar erschien. Ein entscheidender Schritt aus dem Schattendasein heraus war es in dieser Situation, die Anlage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was auf Veranlassung des russischen Generalgouverneurs Nikolai Fürst Repnin-Wolkonski im Jahre 1813 geschah. Die alsbald gegründete "Kommission zur Wiederherstellung des Großen Gartens" leitete Maßnahmen zur Instandsetzung ein. Auch für das Palaisgebäude bot sich damit wieder eine Perspektive. Von einer Gartenbaugesellschaft wurden ab 1828 zunächst einmal einige Räume als Depot verwendet. Im Festsaal hielt das Ernst-Rietschel-Museum Einzug; die Arbeiten des Bildhauers zeigte man dort bis 1889. Seit dem Jahre 1844 waren außerdem noch die Sammlungen des Altertumsvereins im Hause untergebracht - zunächst nur im Erdgeschoß, ab 1890 auch in den Hauptgeschoßräumen. Die zumeist aus kirchlichem Besitz stammenden Gegenstände des so entstandenen Museums verblieben in der Hauptsache bis 1945 an diesem Ort, wo sie den Luftangriffen auf Dresden mit zum Opfer fielen; nur wenige vorher zurückgegebene bzw. ausgelagerte Stücke entgingen der Vernichtung.

Baubeschreibung

Äußeres: Das Palais im Großen Garten vereinigt in sich den Typus des Lusthauses mit den neuen, in Frankreich entstandenen Formen des Schloßbaus. Diese wurden von Starcke aufgegriffen, nachdem er 1672 (also wenige Jahre vor Baubeginn) den Westen Europas bereist hatte. Obwohl die Vorbildwirkung offensichtlich ist, handelt es sich doch keineswegs um eine bloße Kopie, vielmehr läßt sich aus den vorgenommenen Änderungen sehr deutlich das selbständige Stilgefühl des deutschen Architekten ablesen. So ordnete er beispielsweise die in vielen französischen Schloßbauten des frühen 17. Jahrhunderts dominierenden Ecktürme im Außenbau der vereinheitlichenden neuen Fassadenbildung unter. Andererseits hat die Plastizität der Wand deutlich zugenommen. Gliederung und Bauornamentik verkörpern dabei einen Formenschatz, der wiederum Einflüsse oberitalienischer Architektur vermuten läßt. Bereits die Schule Cornelius Gurlitts glaubte hier Eindrücke genuesischer Palastarchitektur verarbeitet zu finden, und auch Georg Dehio hat sich dieser Meinung angeschlossen. Hinsichtlich des einfachen, H-förmigen Grundrisses mit Mitteltrakt und seitlichen Flügeln bieten nicht zuletzt einige Villenbauten der italienischen Renaissance durchaus Vergleichbares. Im Schnittpunkt der zwei Hauptalleen des Großen Gartens gelegen, befindet sich das Gebäude damit zugleich in dessen Mittelpunkt, wodurch es in den Achsen des Parks jeweils voll sichtbar ist. Insbesondere das von den Kavalierhäusern umgebene Parterre westlich und der Teich östlich des Palais werden von dessen architektonischer Wirkung bestimmt. Sein dreigeschossiger Aufriß ist gegliedert in ein verhältnismäßig hohes, rustiziertes Erdgeschoß, das Hauptgeschoß und ein darüber befindliches, als Mezzanin bezeichnetes Halbgeschoß. Gemäß der Oberflächenbehandlung der Sandsteinquader versteht sich ersteres als Sockel, wofür auch die dunklere Farbigkeit des hier verwendeten Steinmaterials spricht. Ihm entspricht die toskanische Ordnung der die Mittelachse rahmenden Säulenpaare, während diejenigen des Hauptgeschosses in ionischer Ordnung angelegt wurden. Die gewölbten Erdgeschoßräume sind im Sinne italienischer Vorbilder unmittelbar vom Park aus zugänglich. Dem Charakter des Gartenschlosses entsprechen auch die Freitreppenanlagen an der Ost- und Westseite, welche als doppelläufige Treppen unter zweimaliger Wendung in die beiden Hauptfronten eingefügt sind. Sie führen zum ersten Obergeschoß hinauf, wo sich im Bereich der Mittelrisalite die Haupteingänge zu den Festräumen befinden. Die Eigentümlichkeit des Grundrisses läßt zwei jeweils dreiteilige Frontenpaare entstehen, von denen die der Ost- und Westseite eindeutig herausgehoben sind. Eine straffe Zusammenfassung des Baues in seinen Vertikalen erfolgt hier durch die kräftig ausgebildeten, mit Segmentbogengiebel abgeschlossenen Mittelrisalite und die sie flankierenden, gleich Eckpavillons weit vorgezogenen Seitentrakte; an der Nord- und Südseite geschieht dies dagegen allein vermittels der flachen mittleren Risalite mit ihrem Dreieckgiebel. Entsprechend der Kontrastwirkung der einzelnen Bauteile ist auch die dreigeschossige Aufrißgestaltung varüert. So werden die Mittelrisalite der bevorzugten Hauptfronten nach Westen und Osten durch die vorgestellten Doppelsäulenpaare gegenüber den flach gehaltenen seitlichen Kopfbauten besonders hervorgehoben, während die Risalite der Seitenfronten mit ihrer flächigen Pilastergliederung stärker in die Gesamtgestalt eingebunden bleiben. Die über dem Mezzaningeschoß ansetzenden flachen Walmdächer sind in Kupfer gedeckt und an den Stirnseiten der Flügelbauten durch massive, lukarnenartig aufgesetzte Stichbogenfenster mit seitlichen Voluten belebt, deren oberer Abschluß jeweils von einer Kartusche bekrönt ist, welche den Kurhut trägt. Zur weiteren Dachgliederung tragen kleinere Gaupen mit Stichbogenfenstern sowie der als durchbrochene Balustrade ausgebildete Firstkamm mit kräftigen Eckabschlüssen (Schornsteine) über dem Mittelbau und je zwei Pinienfruchtpokale auf den Seitenflügeln bei. Das Dach trug in der Barockzeit nachweislich einen blauen Anstrich, während die Zieraten vergoldet waren.

Sämtliche Fassaden des Palais sind in Elbsandstein ausgeführt und mit reichem plastischen Schmuck versehen, dabei einen üppigen vegetabilen Flächendekor mit dem aufwendigen Figurenprogramm verbindend. Im Gegensatz zur wuchtigen Schwere des gesamten Baukörpers tragen Einzelheiten schon die Züge einer in das 18. Jahrhundert weisenden Auffassung, was vor allem für die Ornamentik zutrifft, die der Belebung und malerischen Auflockerung der Oberflächen dient. Während am Mittelbau die geschlossene Wandmasse vorherrscht, zu deren Wirkung noch die kräftige Plastizität der Fensterrahmungen tritt, sind die Wände der seitlichen Flügel zwischen den Fenstern durch eingetiefte oder aufgelegte Felder bzw. Platten aufgeteilt, die saftig - volle pflanzliche Ornamentgehänge tragen. Naturalistisch verselbständigt und in praller Fülle erscheinen die Formen eher lösbar vom Mauergrund, nicht mit diesem zu einem flächigen Spiel verbunden. "Sie sind dem Bau in aller Naturwahrheit hinzugefügt", so daß er "wie eine zu Stein gewordene Holzarchitektur wirkt, die man geschmückt hat" (Heinrich Gerhard Franz). Aus diesem Geiste der Festarchitektur heraus entstanden ist wohl der Aufbau, vor allem an den Seitenflügeln, zu denken. Auch in der Folgezeit des Dresdner Barock erscheint diese Art Dekoration immer wieder, denken wir nur an Pöppelmanns Taschenbergpalais oder die Galeriearkaden des Zwingers, wo jeweils eine renaissancemäßig schlichte Architektur mit vollplastischen naturalistischen Blattbändern "behängt" ist.

Was das Skulpturenprogramm anbetrifft, so dominieren in den Seitenfronten des Sockelgeschosses und in den Mittelrisaliten des ersten Obergeschosses die in Nischen gestellten, überlebensgroßen Vollfiguren ausSandstein, im Mezzaningeschoß hingegen die Büsten aus gleichem Material. Die Themen bleiben dabei im wesentlichen der Antike verpflichtet. Eine konkrete Zuschreibung der Werke an einzelne Künstler erweist sich als schwierig und kann nur anhand stilistischer Merkmale erfolgen. Die vier Statuen des Parisurteils in den Sockelgeschoßnischen der Nord- und Südseite (Minerva und Juno bzw. Venus und Parisl, mit denen moralisierend die Tragweite menschlicher Entscheidungen betont wird, gelten als Werke George Heermanns. Auch die Masken über den Portalen werden ihm zugeschrieben. Dem Gedanken des römischen Imperiums als Vorbild eines geordneten Staatswesens entsprechen die zwölf Cäsarenbüsten und die Bildnisse der vier Kaiserinnen in den Nischen des Mezzaningeschosses, die wohl von Jeremias Süßner gefertigt wurden. Das Thema der Götterversammlung in ihrer Bedeutung für die einzelnen Bereiche menschlichen Wirkens klingt in den Figuren der Mittelrisalite beider Hauptschauseiten an. Die diese Risalite abschließenden Segmentbogengiebel huldigen der kursächsischen Dynastie, welche durch das jeweils darin enthaltene Wappen der Wettiner mit dem darüber befindlichen Kurhut repräsentiert wird. In dem vermutlich auf Conrad Max Süßner zurückgehenden stadtseitigen Giebelfeld kreuzt Athena die Kurschwerter, und eine weitere weibliche Gestalt legt den Rautenkranz auf das Wappenschild. Apoll mit der Lyra und Putten, die Lorbeersträuße herbeitragen, schmücken das Thema der Glorifikation weiter aus. Der Sinn des teichseitigen Giebels ist im gleichen Bereich zu suchen - die Personifikationen von Neid, Geiz, Zwietracht, Habgier sowie anderen Lastern können dem Glanz und der Hoheit Kursachsens nichts anhaben. Darüber hinaus feiern die Darstellungen in den dreieckigen Giebeln der Nord- und Südseite den sinnbildlich in der Ligatur des Monogramms JG3C vertretenen Bauherrn und regierenden Fürsten. Kriegerische und wissenschaftliche Attribute umgeben dessen Initialen, Genien des Ruhmes verherrlichen sowohl sein Wirken als auch seine Verdienste. Auf den Giebeln stehen, beiderseits von Sandsteinvasen flankiert, die Figuren der vier Jahreszeiten: im Süden der Frühling, im Osten der Sommer, ihm gegenüber der Herbst und im Norden der Winter.

Inneres: Das Vestibül im Erdgeschoß des Mitteltrakts ist eine durch Pfeiler in 2 x 5 Joche unterteilte, kreuzgewölbte Halle. Der im Obergeschoß befindliche Festsaal schließt in seiner Ausdehnung die Mezzaninhöhe ein. Seitlich setzen auf beiden Geschoßebenen jeweils drei Räume an, zu deren mittlerem der Saal an seinen Schmalseiten in drei Arkaden geöffnet ist. Die insgesamt sehr prachtvolle Ausstattung fiel der Zerstörung weitestgehend zum Opfer. Der fast vollständig vernichtete Hauptsaal besaß eine überaus reiche und festliche Architektur. Auf hohen Postamenten vorgestellte, korinthische Säulen gliederten die Wände und trugen das schwere, verkröpfte Gebälk. An den Längsseiten kam es jeweils in der Saalmitte zur Umkehrung des Motivs der Portikus-Aedikula des Außenbaus vermittels einer gestaffelten, doppelten Säulenstellung und Figurennischen. Eine hohe, von den Stichkappen der Mezzaninfenster unterbrochene Voute führte bis an den die drei großen Plafondgemälde Samuel Bottschildts rahmenden Akanthusfries heran.

Insgesamt war die Architektur des Saales ehemals von kräftigem Stuck bedeckt, bestehend aus Ranken-, Laub-, Frucht- und Tuchgehängen, Eckblättern, Kartuschen und wappenhaltenden Putten. Dieser außergewöhnliche Formenreichtum gab, in Verbindung mit der Deckenmalerei und den Statuen seitlich der beiden Haupteingänge, dem Raum einen ganz besonderen festlichen Glanz und übertraf in seiner aufeinander bezogenen Anordnung die in sich konzentrierten Akanthusranken, Zweiggebinde und Rosetten im Sockelgeschoß. Die nach 1683 bis etwa 1690 entstandenen Stukkaturen gehören der italienischen Schule an, allerdings sind die Namen der Stukkateure urkundlich nicht nachzuweisen. Die Dienste wandernder Künstler fremder Herkunft, insbesondere aus Italien, wurden damals oft und gern in Anspruch genommen, so in Österreich oder im süddeutschen Raum, aber auch in anderen, weiter entfernt liegenden Gegenden war dies der Fall. Nicht zuletzt lebten in jener Zeit viele italienische Künstler in Dresden. Im Jahre 1685 waren u. a. Giacomo Botta de Merebillia et Compagnie in der Stadt tätig, von wo aus sie Entwürfe nach Leipzig für die dortige Börse sandten. Sie könnten natürlich bei der Ausstattung des Palais im Großen Garten beteiligt gewesen sein, wobei hier sicher verschiedene Künstler zusammengearbeitet haben. So zeigten die Stukkaturen des Hauptsaales schon wieder einen anderen Charakter als diejenigen der sich unmittelbar daran anschließenden Nebensäle. Dasselbe trifft für die beiden seitlichen Langsäle im Erdgeschoß zu. Hier konnten sogar anhand der noch vorhandenen Reste originaler Substanz unterschiedliche "Handschriften" festgestellt werden, was ebenfalls auf das gleichzeitige Tätigsein mehrerer Stukkateure schließen läßt. Vor allem in der Stuckdekoration des Festsaales machte sich erstmals auch französischer Einfluß bemerkbar, der sich in fein gezacktem Akanthus, durchsetzt mit Eichenlaubgewinden, Rosen, Trauben, jagenden Tieren, Putten und Fratzen, als sogenanntes "französisches Laubwerk" bekundete. Rudolf Plaul spricht hier von "jener eigenartigen Mischung der italienischdeutschen Richtung mit den neuen französischen Elementen", eine Ansicht, die von Fritz Löffler ebenfalls vertreten wird. Wie in der gleichzeitig entstandenen Leipziger Börse nahmen die bereits erwähnten dekorativen Gemälde Samuel Bottschildts den größten Teil der Deckenfläche ein. In verhältnismäßig dunklen Tönen gehalten, bildeten sie als Flächen- und Farbwert einen wirkungsvollen Kontrast zu den weißen Stukkaturen auf rosafarbenem Grund. Eine diesbezügliche Steigerung bewirkte noch ein um den gemeinsamen Rahmen dieser drei Bilder herumgeführter, reich ornamentierter Streifen, dessen Grund aus einem Goldmosaik bestand, von demsich die Stuckakanthusranken, Fruchtpokale, Hermen und Greife besonders gut abhoben. Die Vergoldung entspricht dabei einem durchaus plastischdekorativen Gefühl, dem die körperliche Klarheit Grundbedingung für den künstlerischen Genuß ist.

Was den Inhalt der Malereien anbetrifft, so stellte das große, mittlere Deckenbild mit der Apotheose Johann Georg III. eine Verherrlichung Kursachsens und seines Herrschers dar. Putten bewegten Monogramm und Kurhut durch die Lüfte, während der Regent, von strahlendem Licht umgeben, als jugendlicher Gott in weißer Idealgewandung auf den Wolken thronte, in der erhobenen Rechten ein Schwert haltend. Im schwebenden Rautenkranz kreuzte Athena die Kurschwerter, damit an das sächsische Wappen erinnernd. Den Ruhm des Fürsten verbreiteten Putten mit ihren Musikinstrumenten, von seinen Tugenden kündeten die allegorischen Gestalten der Stärke, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Klugheit, des Überflusses usw. Die Personifikation der Architektur wies das Abbild des Palais vor, als dessen Erbauer der Kurfürst somit zugleich gerühmt wurde. Die beiden kleineren Deckengemälde, Merkur und Flora sowie Diana mit Gefolge, setzten diese Sinngebung fort. Handel, Fruchtbarkeit in Feld und Garten wie auch der Wildreichtum zeichneten das Land aus. Darüber hinaus wurde der Jagd als einer Form aristokratischer Beschäftigung dieser Ehrenplatz eingeräumt (noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein hielt man Fasanen und Hasen im Großen Garten~. Die Jeremias Süßner zugeschriebenen weiblichen Gewandfiguren in den die Eingänge flankierenden Nischen könnten ergänzend als Begleiterinnen der Ceres oder Flora verstanden werden, die mit sommerlichen Früchten und Blumen die Segnungen gedeihender Pflanzen darstellten. Noch je ein annähernd rundes Ölgemälde befand sich in den Achsen über dem Hauptsims: auf der Ostseite Venus und Adonis, gegenüber Amor und Psyche, im Norden Juno mit dem Pfau und wiederum gegenüber der Raub der Proserpina. Auch diese, in tiefen, etwas harten Farben und mit starken Beleuchtungseffekten gemalten Bilder stammten von Samuel Bottschildt, im Gegensatz zu den Deckengemälden waren sie aber nicht bezeichnet. Bei weiteren Rundbildern über den Fenstern handelte es sich um Damenporträts unterschiedlicher Qualität, deren Schöpfer nicht eindeutig benannt werden können. In den angrenzenden Räumen des Hauptgeschosses und in den Erdgeschoßräumen ist die Ausstattung gemäß ihrer neben- bzw. untergeordneten Bedeutung in entsprechender Abstufung erfolgt, in jedem Falle aber weniger aufwendig betrieben worden. Geringe Reste originaler Substanz, Fotografien sowie Beschreibungen der Seitensäle und Eckräume im ersten Obergeschoß belegen, daß diese ebenfalls stuckiert und mit Deckenmalereien versehen waren; das Gemälde im südlichen Seitensaal wurde, wohl seines schlechten Erhaltungszustandes wegen, bereits in früheren Zeiten entfernt. Bezüglich des Erdgeschosses kann hinsichtlich der Eckräume keine Aussage getroffen werden, da hier weder irgendwelche Sachzeugen erhalten noch entsprechende Nachrichten überliefert sind. Offenbar konzentrierte sich die Ausschmückung jedoch auf die Mittelhalle und die seitlichen Langsäle, wobei die Stukkaturen in den beiden letzteren bedeutend reicher ausgefallen sind als im Vestibül. Baugebundene Malerei befand sich freilich in allen drei Räumen (hier wohl von Heinrich Christoph Fehling ausgeführtl. In den Gewölbespiegeln der Mittelhalle und der beiden als Zugänge dienenden, tonnengewölbten Räume waren die zwölf Gestalten des Tierkreises dargestellt. Ihre Anordnung entsprach dem nachfolgenden Schema: Von diesen al secco ausgeführten Malereien haben nur die beiden unter den Treppenpodesten befindlichen den Krieg überstanden: das Tierkreiszeichen der Zwillinge im Osten und das des Schützen im Westen. Trotz starker Beschädigungen ist der kühle, kräftige Ton noch gut zu erkennen. Drei ovale Deckenbilder mit figürlichen Darstellungen schmückten den südlichen Seitensaal; die entsprechenden Gemälde im nördlich gegenüberliegenden Raum waren bereits vor dem Krieg überstrichen. Jeweils in der Mitte der inneren Längswand beider Säle befand sich in den hier angeordneten Nischen noch eine ca. 1,80 m hohe Statue aus Sandstein, und zwar im Südsaal die Darstellung eines alten Mannes (Allegorie des Herbstes?) und im Nordsaal eine als Flora gedeutete weibliche Gestalt. Erstere ist etwa 1678/79 entstanden und wird von Sigfried Asche dem als Hofbildhauer zeitweise in Dresden tätigen Schneeberger Meister Johann Heinrich Böhme d. Ä. zugeschrieben, die letztere, ebenfalls um 1680 datierte Figur ließ sich als ein Werk des Jeremias Süßner feststellen. Beide Stücke gelten als Kriegsverlust, wobei es allerdings schwer vorstellbar erscheint, daß sie bei dem verhältnismäßig guten Erhaltungszustand der Räume nach den Luftangriffen (die Deckengewölbe waren hier ja nicht eingestürzt!) vollständig zerstört gewesen sein sollen. Auch ihre Aufstellung in Wandnischen müßte schließlich einen gewissen Schutz bewirkt haben. Insofern könnte es natürlich sein, daß Teile der Skulpturen möglicherweise doch erhalten sind und eines Tages noch aufgefunden werden.

Bemerkungen zur denkmalpflegerischen Wiederherstellung seit 1945

Infolge der am 13./14. Februar 1945 gegen Dresden geführten Luftangriffe brannte das Palais, welches zuletzt dem Sächsischen Altertumsverein als Ausstellungsgebäude gedient hatte, völlig aus. Sowohl die Inneneinrichtung als auch die Bestände des Museums gingen verloren. Die Dächer und Balkendecken der Geschosse wurden vernichtet; große Fassadenteile, insbesondere im Bereich des Südflügels, waren schwer beschädigt. Nach Kriegsende galt es zunächst, die erhalten gebliebenen Gewölbe im Vestibül und in den beiden angrenzenden Seitensälen des Erdgeschosses durch eine Notbedachung vor dem Einsturz zu bewahren. In den Jahren 1953-1970 erfolgte dann die schrittweise äußere Sicherung der Fassaden. Eine neue Stahldachkonstruktion konnte ab 1964 aufgebracht werden, das Richtfest fand Anfang April 1965 statt. Im Anschluß daran begann man mit der Eindeckung, deren Ausführung in Kupfer seinerzeit jedoch auf den Bereich des Nordflügels beschränkt blieb. Der bis zu diesem Zeitpunkt noch erhalten gebliebene Stuck wurde 1965 gesichert. Unter Mitwirkung von Peter Makolies kam es 1968-1974 zur Herstellung einer Architekturachse des Festsaales als Rekonstruktionsprobe in Weißstuck, Kunstmarmor und Sandstein. Von 1978-1984 erfolgte die teilweise Nutzung des Gebäudes als Atelier für den Wiederaufbau des von Gottfried Semper erbauten Dresdner Opernhauses, u. a. wurde hier der Bühnenvorhang gemalt. Mit der schrittweisen Instandsetzung ging es dann ab 1983 weiter. Eine damals durchgeführte Festigung der beiden Tierkreiszeichen-Bilder in den Tonnengewölben der Eingangsbereiche sicherte zunächst erst einmal deren weiteren Bestand. Ebenfalls 1983 begann die Rekonstruktion der Stukkaturen im Erdgeschoßbereich auf der Grundlage vorhandener Reste und historischer Fotografien. Nach Fertigstellung der Decke in der Mittelhalle wurden diese Arbeiten zunächst im nördlichen Seitensaal und im Anschluß daran auf der Südseite fortgeführt, wo sie im Herbst 1992 zum Abschluß gelangten. 1984 erfolgte eine Stabilisierung der Nordfassade im Bereich der Arkadenbögen, da sich die Pfeiler dort als nicht sanierungsfähig erwiesen hatten. Fassade, Leibungen und anschließende Gewölbe sind deshalb durch Vernadelung mit Stahlankern und Verpressen mit Zementinjektionsflüssigkeit gesichert worden. Den 1984-1985 erstellten Kopien der Innenportale folgten 1986 die äußeren Portale für die Erdgeschoßgelasse. Parallel dazu verliefen u. a. die im folgenden aufgeführten Arbeiten: Verputz der Wände, Pfeiler und Sockel in der Erdgeschoß-Mittelhalle, Einsetzen von Vierungen am nördlichen Mittelrisalit und später auch an den Arkadenbögen sowie Gewölbesanierung über dem südlichen Erdgeschoß-Seitensaal. Die Leitung all der genannten Arbeiten oblag in den zurückliegenden Jahren anfänglich der Bauabteilung für kulturhistorische Bauten Dresdens, der späteren Bauabteilung des Instituts für Denkmalpflege, aus der dann wiederum das Projektierungsatelier des VEB Denkmalpflege hervorging. Die wissenschaftliche Betreuung erfolgte über die ganze Zeit hinweg durch dasInstitut für Denkmalpflege, welches sich gemeinsam mit dem Rat der Stadt auch immer wieder dafür einsetzte, daß staatliche Mittel für die Finanzierung zum Einsatz gelangten und der Baubetrieb somit - trotz aller Widrigkeiten - niemals ganz zum Erliegen kam. Eine hier erarbeitete und 1985 vorgelegte Rahmenzielstellung zur denkmalpflegerischen Wiederherstellung der Innenräume gibt seither die diesbezügliche Grundrichtung für das Herangehen vor. Nachdem das Palais im Großen Garten dann Anfang 1993 wieder in den Besitz des Freistaates Sachsen übergegangen war (wodurch es nun in den Zuständigkeitsbereich des Staatshochbauamtes Dresden I gehört), konnte auch die zwischenzeitlich bereits begonnene Rekonstruktion des Dachbereiches realisiert werden. Außer der schon lange geplanten Neueindeckung sämtlicher Dachflächen in Kupfer galt es, alle hier befindlichen Schmuckelemente (Zierschornsteine, Dachbalustrade, Fruchtpokale usw.) wiederherzustellen, eine Aufgabe, die im April 1994 zur Vollendung gelangte. Seit 1996 konzentrieren sich die denkmalpflegerischen Bemühungen auf die Fassaden, deren endgültige Restaurierung durch Bildhauer, Steinmetzen und Restauratoren im Bereich des Nordflügels sowie auf der Ostseite des Mitteltraktes bereits abgeschlossen werden konnte. Dem gegenwärtig laufenden Baugeschehen an der Westseite wird sich nun noch die Bearbeitung des Südflügels anschließen, mit dessen Fertigstellung spätestens im Jahre 2000 zu rechnen ist. Es besteht jetzt die Absicht, einige Räume im Erdgeschoßbereich schon in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich zu machen. Seitens der Denkmalpflege ist in dem Zusammenhang erneut vorgeschlagen worden, insbesondere in der Eingangshalle, den angrenzenden Seitensälen sowie im südwestlichen Eckraum sächsische Barockplastik zu präsentieren, wobei es sich um bereits ausgewählte und im Palais befindliche Stücke handelt. Als entscheidender Mitstreiter für diesen seit längerem existierenden Gedanken erwiesen sich die Staatlichen Schlösser und Gärten Dresden (als Verwalter der Liegenschaftl, so daß ein entsprechender Beschluß gefaßt werden konnte und der Realisierung jetzt grundsätzlich nichts mehr im Wege steht. Parallel dazu sind die genannten Räume für eine sensible Mehrfachnutzung vorgesehen, die - Konzerte, Vorträge oder kleinere Empfänge haben es wiederholt gezeigt - in diesem Bereich ohne weiteres möglich ist. Was das Hauptgeschoß anbetrifft, so käme dasselbe nach umfangreichen Rekonstruktionsmaßnahmen, die zweifellos noch über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgen müßten, einem Gesamtkunstwerk gleich, welches den festlichen Rahmen für die verschiedensten Anlässe bieten könnte, aber nicht mit Ausstellungsfunktionen belastet werden darf (die notwendigen Grundsatzentscheidungen stehen aber noch aus). Schließlich bieten die in den Seitenflügeln des Palais befindlichen Nebenräume im Mezzaningeschoß diverse Möglichkeiten für die Einbindung untergeordneter Aufgaben und Zwecke. Insgesamt ist festzustellen, daß der zielgerichtete und konzentrierte Einsatz von Mitteln für den endgültigen Wiederaufbau des Palais im Großen Garten unabdingbar ist, wenn die Arbeiten daran weiterhin kontinuierlich und sinnvoll vorangehen sollen. Mit der schließlichen Fertigstellung des Gebäudes wäre dann allerdings ein architektonisches Kleinod von vollendeter Harmonie wiedererstanden und damit zugleich ein entscheidendes Stück kultureller Identität der Stadt zurückgewonnen. Auf diese Weise ginge ein Herzenswunsch der Bürger Dresdens in Erfüllung, was nicht zuletzt auch all ihren Gästen zugute käme.

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